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Organischer Traffic und KI: Was AI Overviews und Chatbots wirklich kosten

Googles KI-Zusammenfassungen drücken die Klickraten. Parallel verlagern sich Recherchen in ChatGPT und Perplexity. Beides zusammen kostet organischen Traffic – aber sehr ungleich verteilt.

Manche Websites verlieren kaum ein halbes Prozent ihrer Google-Klicks, andere fast ein Drittel. Wer informiert, verliert. Wer verkauft, bislang kaum. Ein Blick auf die Datenlage, auf Googles Gegenrede – und auf die Frage, ob die KI-Chats den verlorenen Kanal ersetzen.

Die Richtung ist eindeutig. Die Höhe nicht.

Das Pew Research Center hat im März 2025 das tatsächliche Klickverhalten von 900 US-Nutzern ausgewertet: 68.879 Google-Suchen, erhoben per Clickstream. Das Ergebnis: Lag ein AI Overview über den Ergebnissen, klickten Nutzer in 8 Prozent der Fälle auf ein organisches Ergebnis. Ohne AI Overview waren es 15 Prozent. Die Links innerhalb der KI-Antwort selbst wurden in einem Prozent der Fälle angeklickt.

Für den deutschsprachigen Markt hat Sistrix im Februar 2026 über 100 Millionen Keywords ausgewertet. Die Klickrate auf Position 1 fällt demnach von 27 auf 11 Prozent, sobald ein AI Overview ausgespielt wird. Hochgerechnet: rund 265 Millionen organische Klicks weniger pro Monat in Deutschland. Über alle Keywords gemittelt entspricht das einem Rückgang von 6,6 Prozent.

Zwei internationale Auswertungen bestätigen die Größenordnung für Position 1. Ahrefs meldet minus 58 Prozent, Seer Interactive minus 61 Prozent – nah an Sistrix' minus 59.

Entscheidend ist, welche Zahl man zitiert. Minus 59 Prozent gilt für Position 1, wenn ein AI Overview erscheint. Minus 6,6 Prozent gilt für den gesamten deutschen Klickbestand. Beides stammt aus derselben Studie. Wer die erste Zahl als allgemeinen Traffic-Rückgang verkauft, produziert Panik statt Erkenntnis. Hinzu kommt: Die meisten dieser Erhebungen stammen von SEO-Toolanbietern. Das entwertet die Daten nicht. Es gehört aber dazugesagt.

Nicht jede Website verliert gleich

Der entscheidende Faktor ist die Suchintention. Wo sich eine Frage vollständig beantworten lässt, bleibt der Klick aus. Wo gebucht, verglichen oder gekauft wird, findet er statt.

Die Sistrix-Auswertung für Deutschland zeigt das deutlich:

Website-Typ (Beispiel)Anteil verlorener KlicksCharakter der Anfrage
Wetterdienste (wetter.com)0,18 %wiederkehrend, Marke
Reisebuchung (Booking.com)0,46 %transaktional
Preisvergleich (Idealo)0,85 %transaktional
Rezepte (Kategorie)1,07 %strukturiert, nachvollziehend
Marktplätze (Amazon)1,73 %transaktional
Nachschlagewerke (Wikipedia)5,56 %informational
News & Medien (Kategorie)7,37 %informational, zeitkritisch
Elternportale (Kategorie)über 24 %informational
Gesundheitsportale (spezialisiert)über 30 %informational
Verlorene organische Klicks nach Website-Typ, Anteil am jeweiligen Google-Traffic. Zahlen: Sistrix, Februar 2026 (Kategorie- und Einzeldomain-Werte). Einordnung der Suchintention: eigene Zuordnung.

Das Muster wiederholt sich bei der Frage, wo AI Overviews überhaupt erscheinen. BrightEdge misst für Gesundheitsthemen eine Abdeckung von 88 Prozent, für Bildung 83, für B2B-Technologie 82. Im Finanzbereich sind es rund 21 Prozent, im E-Commerce weniger. Über alle von BrightEdge getrackten Anfragen hinweg liegt die Abdeckung bei etwa 48 Prozent – ein Wert aus kuratierten US-Kundendaten. Für den deutschen Keyword-Bestand misst Sistrix rund 20 Prozent. Die absolute Höhe hängt also stark davon ab, wer welchen Keyword-Bestand misst. Über alle Datensätze hinweg bleibt aber dieselbe Rangfolge der Branchen bestehen.

Die 82 Prozent für B2B-Technologie sind die unangenehme Zahl. Erklärender Content am Anfang der Customer Journey – „Was ist“, „Wie funktioniert“, „Worauf achten“ – liegt genau im Zentrum der Zone, die KI-Antworten abräumen.

Google widerspricht. Ohne Zahlen.

Im August 2025 meldete sich Liz Reid, Head of Search, zu Wort. Das gesamte organische Klickvolumen von Google zu Websites sei im Jahresvergleich relativ stabil. Man liefere sogar etwas mehr „qualitativ hochwertige“ Klicks als im Vorjahr – definiert als Klicks, bei denen Nutzer nicht sofort zurückspringen. Studien Dritter beruhten auf fehlerhaften Methoden.

Belege legte Google nicht vor. Keine Search-Console-Aggregate, keine Diagramme, keine offengelegte Methodik.

Beide Seiten haben ein Interesse. SEO-Anbieter profitieren vom Bedrohungsnarrativ, Google vom Gegenteil. Was fehlt, sind unabhängige Daten in großem Umfang. Das Reuters Institute misst für den Zeitraum November 2024 bis November 2025 über 2.500 Nachrichtenseiten hinweg global einen Rückgang des organischen Google-Traffics um 33 Prozent. Und fügt selbst hinzu: Wie viel davon auf AI Overviews entfällt, sei nicht klar.

Zwei Befunde mahnen zur Vorsicht. Erstens: Auch Keywords ohne AI Overview verlieren. Ahrefs misst das im selben Datensatz, Seer beziffert den Rückgang bei diesen Keywords auf 41 Prozent. Die Ergebnisseite verschiebt sich insgesamt, nicht nur dort, wo die KI-Box steht. Zweitens: Die Gesamt-Seitenaufrufe derselben Publisher gingen bei Chartbeat über ein vergleichbares Zeitfenster nur um rund 6 Prozent zurück. Direkte Zugriffe, Newsletter und interne Verlinkung fangen einen Teil auf. Parallel laufen Core Updates, brechen soziale Netzwerke als Quelle weg, verlagert sich Nutzung zu Video. Die saubere Kausalität existiert bislang nicht.

KI-Chats ersetzen den Kanal nicht

Die naheliegende Hoffnung: Was die Suche verliert, kommt über ChatGPT und Perplexity zurück. Die Zahlen stützen das nicht.

Eine Auswertung der Cloudflare-Radar-Daten für Mai 2026 zeigt: Innerhalb des Cloudflare-Netzwerks steht Google für 87,63 Prozent aller Verweise aus Suchdiensten. Sämtliche KI-Chatbots zusammen – ChatGPT, Gemini, Claude, Perplexity – kommen auf 0,29 Prozent. Das ist etwa ein Fünftel dessen, was DuckDuckGo allein liefert.

Die Wachstumsraten sind hoch, die Basis ist winzig. Und die Messung untertreibt eher: Ein erheblicher Teil dieses Traffics landet in der Analyse fälschlich unter „Direct“, weil der Referrer verlorengeht.

Interessanter als die Menge ist die Qualität. Semrush misst für Besucher aus KI-Quellen eine 4,4-fach höhere Conversion-Rate gegenüber organischem Suchtraffic – untersucht wurden allerdings Themen aus Digital-Marketing und SEO, keine Querschnittsbranche. Deutlicher ist die Entwicklung bei Adobe Analytics im US-Handel: Im März 2025 konvertierte KI-Traffic noch 38 Prozent schlechter als andere Kanäle. Im Weihnachtsgeschäft 2025 konvertierte er 31 Prozent besser als diese Kanäle. Der Mechanismus ist plausibel: Die KI hat vorqualifiziert. Wer klickt, ist weiter im Prozess.

Wenige Besucher, die besser konvertieren. Das ersetzt keinen Kanal. Es lohnt aber die saubere Messung.

Was daraus folgt

Erstens: eigene Daten vor Branchenzahlen. Zwischen 0,18 Prozent und über 30 Prozent Klickverlust liegt alles, was in Deutschland gemessen wurde. Durchschnittswerte helfen bei dieser Spannbreite niemandem weiter. Die Search Console zeigt, welche Top-Queries betroffen sind – Rankings stabil, Klickrate rückläufig, das ist das Frühwarnsignal.

Zweitens: Content nach Intention sortieren. Rein erklärende Inhalte am oberen Ende des Funnels sind das exponierte Segment. Ressourcen gehören dorthin, wo Suchanfragen konkret werden.

Drittens: Inhalte, die es sonst nirgends gibt. Eigene Erhebungen. Rechner und Konfiguratoren. Erfahrung aus konkreten Projekten. Steht dieselbe Information in zehn Quellen, baut die KI daraus eine Antwort und der Klick entfällt. Steht sie nur bei Ihnen, kommt die KI ohne Ihre Seite nicht aus.

Die Suche war nie ein Besitzstand. Sie war immer ein geliehener Kanal.

Quellen

AI-Insights